gartenbauecke #8

es seien alle gläser eingekocht, alle flächen innen und außen abgeerntet, die keller-pilz-zucht im aufbau-stadium in ruhe zu lassen und die allerletzten blüten der allereifrigsten nesselblumen (entgegen allen glaubens) abgefallen. zeit, sich dem tannennadelträger zu widmen. zeit, sich auf sich selbst zu besinnen (im angesicht der nadelhäufung eine vodoonahe angelegenheit). zeit, von grünen daumen auf grüne augen und ohren umzusteigen. denn, des winters macht sich auch thomas fersen gedanken zur nahversorgung, woher kommen die blumen wenn es draußen kalt und dunkel ist?

comment mon cœur / où trouver des fleurs / un lundi soir / après minuit

wie, mein herz / wo findet man blumen / montag abend / nach mitternacht

und sie kommen, so verlässlich wie la vie en rose aus den vororten und siedlungen, wo die echten romantiker leben,

qu'il ne s'agenouille pas / devant tout l'or d'un seigneur / mais parfois pour cueillir une fleur

die nicht niederknien / vor allem gold eines herren / aber bisweilen um eine blume zu pflücken

unbeugsame blumenliebhaber, die nur grand jacques besingen kann, wenn es jemand kann. Damals, bevor die unverstandenen romantiker begannen, autos anzuzünden und keine blumen mehr zu pflücken.

es sei eine traurige zeit, voller melancholischer ambitionen und feinnadeliger selbstzerfleischung, für die uns metaphern gereicht werden aus dem flachen land

les fleurs ferment leur cœur / avec leurs pétales / comme se cachent les pleurs / dans les yeux d'une femme

die blumen schließen ihr herz / mit ihren blättern / wie sich bergen die tränen / in den augen einer frau
es seien die traurigen frauen, schmelzend (und auch ein wenig gießend, der trockenen heizungsluft wegen). doch es sei den traurigen frauen ein ausweg beschieden, ein bad im klaren wasser, für das georges brassens höchstselbst die blütenblätter streut:

des morceaux de feuilles de vigne, / fleurs de lis ou fleurs d'oranger. // avec des pétales de roses, / un bout de corsage lui fis.

stücke von weinblättern / lilienblüten oder orangen. // aus rosenblättern / wirdihr ein kleid.

ein tanz im wind der warmen winternächte, bekleidet mit rosenblättern. umworben von den wieder länger werdenden tagen. und georges b. hält an seiner rede an die blumen fest und spaziert uns voraus durchs unkraut

et saluant mes amies / les fleurs je leur ai promis / que je reviendrais bientôt / et vivent les végétaux.

und grüß' meine freundinnen / blumen, denen ich versprechs / dass ich wieder komme / es lebe das gewächs

 

beiträge zum spaziergang im chanson-garten werden gerne gelesen!

 

 

gartenbauecke #7

weil auch fensterbretter bisweilen dem jahreslauf folgen, näherte sich nun die zeit der ernte(n). allein, noch nichts zu ernten. weil die tomaten natürlich längst verspeist sind und die grünlilien auch dieses jahr keine schmackhaften früchte tragen. aber dafür sind drei der unbekannten fremdkeimer gekeimt (mensch blättere nochmal zu #5), was ihnen das ewige wohlwollen der gärtnerin einbringt. nächstes jahr versuchen wir es dann mit blüten...

ganz anders gestaltet sich da der aufenthalt in der freien natur eines bis vor wenigen wochen gut gepflegten gemüsegartens. überbordende fülle, wuchernder rucola (hübsche blüten und eine idee von staude), kopfgroße karfiöle und mehrere kilo buschbohnen warten auf diejenige, die es auf diese insel verschlägt. ringsum klingt nicht die linde sondern die heuschrecken und ihre freunde, die es in tierischen massen auch auf die insel geschafft haben. die mutige gärtnerin, die auf der suche nach ihrem mittagessen ist, erschrecken aber natürlich weder schrecken noch schön-schaurige gelbe spinnen, die diverse gemüsesorten bewohnen. ganz dezent werden da netze abgestreift und raupen verpflanzt und dazwischen doch ein bißchen zwischen die kohlstauden gelugt, um den hühnern auch noch was schönes mitzubringen. gemüse, das sich fühlt, als wäre es unkraut und dieser garten sein ureigenes reich, kann wohl als glückliches gemüse bezeichnet und ohne verdruss verspeist werden. und damit wurde es doch noch mit dem ernten und der illusion von gemüsebäuerin und dann doch nicht in den stall sondern zurück in die dachgeschoßwohnung ohne tiere. auch ohne gelbe schön-schaurige. und die sommerverwöhnten fensterbrettbewohnerInnen haben sich bemüht und die trockenheit heldInnenhaft überstanden und dafür werden sie jetzt auch wieder ein jahr lang gegossen und bedichtet. nur der frischen salbeitee, für den muss es jetzt wieder der botanische garten sein. auch so eine insel...

übrigens: einsendungen zur dokumentation diverser gärtnerischer aktivitäten könnten mit ablegern, samen oder ähnlichem belohnt werden.

#6#5, #4, #3, #2, #1, #0

aus dem gartenbauecken-briefkasten, juli 08:

 

Gärtner_innenglück

Nach mehrmaliger Aufforderung in der Radieschen Gartenbauecke, gärtnerische Erfahrungen und Großereignisse mitzuteilen, die ja bei mir jeweils durchaus auf fruchtbaren, wenn auch trockenen Boden gefallen ist,  habe ich nun doch beschlossen, einige Momente aus zwei Monaten Balkonerleben mitzuteilen. Unsere, das umschließt meinen Freund und Mitbewohner in der Rolle des Hauptgärtners Hatwohlimmerrecht, unser Balkonensemble Meistensgrün, durchaus mit dramatischer Begabung, und mich, die Bühnencrew (Pflücken, Kehren, Adjustieren). Malerischer Hintergrund: eine gewitterlädierte Birke, trotz allen Schicksalswinden stattlich, Brunnengeplätscher, eine alte Hausfassade und volles Sonnenlicht, kurz, der mit Sicherheit idyllischste Balkon in Wien.

In unserer Balkonbesetzung brillieren die folgenden Hauptdarstellerinnen: in den unteren Reihen zwei selbstgezogene Tomaten, die sich würdevoll einen Tontopf teilen und mit mittlerweile zwei Flaschentomaten, derzeit noch grün, beglücken. An dieser Stelle ist unbedingt zu erwähnen, dass die zweite Frucht dem nützlichen Hinweis von Radieschens Gartenbau-Expertin zu verdanken ist, die dazu riet, mittels Pinsel selbst in die Rolle der Bienen zu schlüpfen und sich öffnende Blüten eifrig zu bestäuben. Was morgens eine höchst erfüllende, weil sinnliche, und beim Anblick der ersten selbstbestäubten Frucht eine umso beglückendere Aufgabe ist. Wann kann frau schon in einer Großstadt so direkt die Früchte ihrer eigenen Arbeit beim Wachsen beobachten und später ernten?!

Weiters wären da auf den Halbschattenbühnen eine Sonnenblume mit üppigem Nachwuchs, Wiesenblumen im Zufallstopf, zwei Basilikums (oder Basilika?), eine Mittagsblume in steter Blütenpracht, ein sterbender Lavendel und in enger Nachbarschaft, zurückhaltend verliebt, Paprika- und Chilipflanze.

Auf der Hauptbühne, von morgens bis abends vollstens ausgeleuchtet, tummeln sich Pölsterchen, die zu gegebenem Zeitpunkt honigduftend das Publikum betören, Lavendel, Schnittlauch, Petersilie, Dill und üppige Minze. Über der Minze schwirren unermüdlich zahlreiche Insekten, und ganz ehrlich, wäre ich ein Flügeltier, ich würde mich auch dort berauschen.

Sinnlich ist überhaupt das wesentliche Adjektiv, um unser Balkonerleben zu beschreiben. Morgens, noch im Pyjama oder was bei diesen Temperaturen genügend vor Nachbarsblicken schützt, schlüpfen wir in unsere schon bereitstehenden Flipflops und stürzen erwachend unsere Blicke fast aufgeregt in die grüne Menge. Nicht, dass sie uns erwartet hätte, wir kommen als letzte, während die Vorstellung längst begonnen hat: Die Mohnblume, die gestern Abend noch eine grüne Kapsel war, streift lasziv die letzen Hüllen von ihren roten Blütenblättern; über die nächsten Stunden wird sie sie genüßlich entfalten und entknittern und ihre Schönheit in Wind und Sonne wiegen. Eine andere Blüte, die gestern dieselbe Schönheit mimte, hat sich über Nacht vollends entblättert, hingegeben und rote Blütenreste liegen, Andenken an die vergangene Nacht, im grünweißen Polsterbett.

Die junge Heldin, eine Sonnenblume, die als einzige aus unzähligen eingesetzten Kernen keimte, ist zu stattlicher Höhe herangewachsen. Sie steht uns für das wahre Gärtner_innenglück, denn wir haben sie quasi von ihrem ersten Blick ins Licht, damals trug sie noch tagelang den entschlossen gespaltenen Kern auf ihren Blätterspitzen, begleitet und verfolgt. Mittlerweile überragt sie alle anderen Mitgewächse um Längen und wir warten aufgeregt darauf, dass bald der erste Blütenansatz sichtbar werde. Raunende Begeisterung und Ausbrüche von Applaus gehen jeden Tag durch unsere Reihen, und irgendwie haben wir ja auch daran mitgewirkt, was aus ihr geworden ist. (pp)

 

gartenbauecke #6

und was also tun, während das fensterbrett sich mehr und mehr füllt? grüne vorhänge bildet, die sich zentimeter für zentimeter nach oben schieben? während nicht nur die sprache dunkelrote blüten treibt?

immer warte ich / auf wunder / die kommen müssen / wenn sich / musik erfüllt / zur zeit / der nackten blüte

sagt rose ausländer und auf die wunder warten wir auch, denn der sommer ist eine gute zeit, um nach blüten da zu suchen, wo sie sich papierfarben präsentieren. auf ins bücherregal also oder an den stapel und querbeet gelesen. und gärtnerInnen sind darunter, etwa in der lyrischen hausapotheke:

man sollte wieder mal spazieren gehn. / das blau und rot und grün war ganz verblichen. / der lenz ist da! die welt wird frisch gestrichen! / die menschen lächeln, bis sie sich verstehn. // die seelen laufen stelzen durch die stadt. / auf den balkonen stehn männer ohne westen / und säen kresse in die blumenkästen. / wohl dem, der solche blumenkästen hat!

in die geheimnisse der kresse sind die werten lesenden ja schon eingeweiht, nichts spricht also gegen westenlose beschäftigungen. wer es etwas weniger biedermeierlich mag, sollte sich auch sommers die großen gefühle und exotischeren gewächse nicht versagen und sie etwa angebeteten darbringen.

morgen oder übermorgen schicke ich dir einen brief. vielleicht eingeschrieben. nein? eine schwertlilienblüte wird mitkommen und brei blaue falterflügel.

und ach, was hätte ich gewünscht, dass just an dieser stelle eine kleine getrocknete blüte einer/s vorbesitzenden aus dieser neruda-sammlung gefallen wäre. aber aber, weiter durch die gartenbücher und blumenmetaphoriken und das fensterbrett eifrig weiter mit wasser versorgt (gegen eine gewisse dürregefahr, die mit lesephasen eng verbunden ist).

manchmal allerdings können selbst fensterbretter und buchseiten nicht ausreichend lustvoll grünes bieten, dann bleibt uns wie friederike mayröcker die weise einsicht:

schimmernde blüten wandern dort im gras / wie ein frühlingstag heute wo ist / meine tür?

 

weitere funde aus den blumenbücherborden erfreuen die gärtnerin!

gartenbauecke #5

...auch eine ecke, wien 07

nach dem letzten, wenig konstruktiven eckenbeitrag wollen wir uns heute, dem nahenden/erreichten frühling rechnung tragend, etwas fröhlicher wucherndem zuwenden. allerdings sei bemerkt, dass die publikumswirksame aufforderung keine keime getragen hat und mein avocadokern sich weiter unbeeindruckt zeigt. tant pis. oder auch wurscht.

dafür ist ein anderer same auf fruchtbaren boden gefallen, der es von den kanaren bis auf mein fensterbrett geschafft hat. in anbetracht der ungestörtheit der heimischen flora wird er nicht ausgewildert werden, selbst wenn klar ist, worum es sich eigentlich handelt. bis jetzt lassen sich unvollständig zweigeteilte blätter erkennen, die an einer ranke aufgereiht sind. neben den sprießenden amarylis, die wie jedes jahr schnellwüchsig erklären, warum sich manche menschen daneben ob ihrer monstrosität unwohl fühlen, nimmt er sich zwar noch zart aus, aber nach dem centstückgroßen samen zu schließen, ist hier größeres zu erwarten.

in diesem sinne heute die pflanzanleitung für unbekannte gewächsteile: einen kleinen topf mit etwas erde füllen und ganz vorschichtig wässern, dann samen (bis maximal drei, wobei es sich empfiehlt, mit etwa der hälfte der samen einen ersten versuch zu starten und den rest aufzuheben) darauflegen und mit viel fingerspitzengefühl einen kompromiß zwischen licht- und dunkelkeimern herstellen. im zweifelsfall eher nicht bedecken, dafür aber den topf mit einem tiefkühlbeutel bedecken und mit gummiband fixieren. die nächsten stunden und tage gilt es, sich niemals zu weit zu entfernen und regelmäßig zu kontrollieren, ob die erde noch schön feucht (aber nicht nass) und die samen noch schön feucht und warm (aber nicht schimmlig) sind. der tiefkühlbeutel muss regelmäßig (wirklich!!) gelüftet werden, um schimmel und fäulnis vorzubeugen. niemals direkt auf die heizung, aber etwa auf das fensterbrett über der heizung stellen, weil wärme den keimungsprozess entscheidend abkürzt. wohlmeinende pflanzenteile sollten die geduld der gärtnernden nicht länger als wochen/monate auf die folter spannen (bis zu ersten merkbaren zeichen wie etwa ersten wurzeln, kleiner spalten in der samenhülle oder ähnlichem). dann empfiehlt es sich, den beutel zu entfernen und langsam kann das neue pflänzchen an stunden- und tageweise abwesenheiten gewöhnt werden. das sozialleben kann weitergehen.

gartenbauecke #4

über allen fensterbrettern ist ruh, die zitrusfrüchte wachsen, doch warte nur, balde, wachsest auch du. oder: verweigerung

auf allen fensterbrettern zieren sich zitrussfrüchte nicht länger, keimen kräftige kulturen und folgen frische früchte (irgendwann). der obstkorb ist geleert, der vitaminspiegel winterfit und die diva unter den zu-keimenden ist ausgemacht. harmlos in grüner schale, fettreich, wie es sich für den geschmack gehört, und dazu mit dem versprechen einer tropischen atmosphäre, kaum dass dieser große, friedlichwirkende kern gekeimt ist. aber nein, nicht mit mir. oder nicht bei mir. oder sicher nicht auf diesem fensterbrett. pflanzen, die als schwierig bekannt sind, gibt es viele. und doch, die zieren sich, geben signale des missfallens oder leiden stumm vor sich hin. und irgendwann wird der  zimmergärtnerin der platz zuwenig, das leiden zu theatralisch oder der ausgang des experiments zu ersichtlich. weg damit. keine falschen verbundenheiten, manche mögen halt nicht.

aber du! du hinterlistiges mistkernstück, dich werde ich nicht aufgeben. du steckst, mit zahnstochern fixiert – oh, was versprechen nicht internetforen an heimwerkerischen herausforderungen – in einem der schönen gläser. halb im wasser. aber das ist dir ja wohl egal. kerne geben wenig lebenszeichen, keine atmung, kein stoffwechsel, keine bewegung. aber irgendwann sollten sich auch kerne auf ihre bestimmung besinnen. keimen zum beispiel. aber nein, du nicht. du bist stur. aber pech gehabt – ich auch. und wir werden ja sehen, wer länger durchhält. wenn ich an meinem schreibtisch sitze, sehe ich dich. was du siehst, ist mir egal. die aussicht ist nicht so schlecht vom fensterbrett aus. träum ruhig von mittelamerika, man wird wohl noch träumen dürfen. träum von regen und sonne, ich träume auch oft. aber wenn du ein baum werden willst, ein avocadobaum, der du sein solltest. dann nicht ohne mich!

gartenbauecke #3

tutti frutti (permakultur am fensterbrett)

wenn es draußen weniger heiß und weniger hell wird, keimen drinnen in aller stille neue grüne freundschaften. nicht mit der drängenden energie des frühsommers (die die drei meter hohen winden stützt), sondern heimlich aber dafür mit perspektive. die möglichkeiten sind vielfältig, die obstsorten unbegrenzt, die erfolgschancen schwanken wie schilfrohr.

zu empfehlen sind zitrusfrüchte, nicht nur wegen des vitamingehalts, der den werten schreibenden neue höhenflüge erlauben kann, sondern auch weil mandarine, orange und zitrone sich meist nicht zieren, ihre hübschen grünen blättchen auch außerhalb ihres lebensraum zu zeigen bzw. ihren lebensraum auf unser aller wohnzimmer und fensterbrett auszudehnen. das prinzip ist denkbar einfach: mensch esse obst und versuche, einige der kerne aufzuheben. nachdem sie etwas aufgetrocknet sind, werden sie zusammen mit blumenerde (eine gute gelegenheit, alte erde zu recyclen!) in einen blumentopf oder eine flachere schale gelegt und vorsichtig gegossen. nicht nur für neugierige beobachterInnen empfiehlt es sich, die erdschicht über den kernen sehr dünn zu halten. sonst keimen unsere neuen freundInnen allzu heimlich und faulen gar...

nach wenigen tagen (und maximal wochen) sollten sich die ersten vorsichtigen blättchen zeigen – etwaige auch keimende 'unkräuter' sollten zur sicherheit erst relativ spät entfernt werden. zitrusfrüchte verfügen über grüne, ovale blätter in denen sich öldrüsen befinden (im gegenlicht als kleine punkte erkennbar). bei guter pflege sollten sie auch immer mehr blätter entwicklen und über den winter kommen (frostfrei und nicht ganz dunkel!). ein sonniger gruß aus dem land, in dem die zitronen selten blühen, geschweige denn früchte ansetzen... dafür verfügen zitrusfrüchte überraschenderweise über dornen, was allerdings unsere sympathien für sie nicht schmälern sollte. wem das dennoch zu bewaffnet ist, der/dem bleiben noch äpfel, birnen, bananen und mispeln – viel obst essen und ausprobieren!

gartenbauecke #2

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Joseph von Eichendorff

nach den letzten bodennahen fensterbrettgärtnereien sind es heute nicht die vitamine, die uns locken, sondern das glück. denn wozu sonst ist der frühsommer da? die blaue blume, die unser gutes glück versteckt hält, wächst natürlich vornehmlich an orten wie luftschlössern und wolkenkuckucksheimen – allein, manchmal wächst sie auch auf balkonen und fensterbrettern, und dann heißt sie zum beispiel trichterwinde.

wer eine blaue Blume ziehen, hegen und pflegen möchte, ist gut beraten, ihren/seinen eichendorff wieder zuzuschlagen (Ich wandre schon seit lange, / Hab lang gehofft, vertraut, / Doch ach, noch nirgends hab ich / Die blaue Blum geschaut.) und sich stattdessen an den gartenfachhandel zu wenden. trichterwinde oder prunkwinde werden aus samen gezogen, dazu diese (wie wir alten gartenprofis ja nun schon wissen) in einen topf mit erde, die samen fingerdick bedecken und abwarten. auch hier die erde nicht austrocknen lassen, aber auch nicht ertränken. während der keimzeit können einige romantische gedichte (eichendorff wieder auspacken) wunder wirken, für pflanzen und gärtnerIn.

traumblumen wollen sorgsam gestützt werden und winden ranken sich mit vorlieben nach oben. wer nicht im besitz eines balkongeländers ist, kann hier mit stäbchen oder schnüren nachhelfen – im besten fall (und wahrscheinlich nicht im schattigen zimmer) können winden eine höhe von drei metern erreichen. unerreichbar, sozusagen.

mittlerweile (ja, auch hier haben autorInnen zeit für die eine oder andere geschichte) sollten die winden erblüht sein und bei gewissenhafter pflege sollten sie so über den sommer kommen. das glück kommt dann hofentlich auch. falls natürlich die eine oder andere verblühte blüte vergessen wurde und nun selbst samen angesetzt hat, so empfiehlt es sich, deren halluzinogene wirkung (eine richtige blaue blume eben) nur sehr vorsichtig und nach den üblichen sicherheitsvorkehrungen zu testen. nicht alle von uns haben das traditionelle wissen mexikanischer hochkulturen geerbt.

gartenbauecke #1

nach dem großen erfolg unserer letzten gartenexperimente wollen wir heute zum nächsten kapitel kommen. und allen, deren experiment gescheitert ist, sei an dieser stelle zugerufen: heute klappts!

wenn es also schon wieder zeit für eine schreibblockade ist, dann teilen wir unsere freizeit ab heute mit extrem vitaminreichen, wohlschmeckenden, einfach zu kultivierenden naturprodukten: die kressezeit ist da.

kresse gedeiht am allerbesten auf fensterbrettern und küchentischen, wenige sonnenstunden reichen aus, um schon bald die butter vom brot zu nehmen und kresse darauf zu streuen.

die kressesamen (bzw. einen teil von ihnen, vielleicht etwa ein drittel einer durchschnittlichen packung) leeren wir vorsichtig in ein schnapsglas (ohne schnaps) und füllen soviel lauwarmes wasser dazu, bis die samen bedeckt sein könnten. normalerweise werden diese nämlich an der oberfläche schwimmen, darüber werden wir aber einfach hinwegsehen.

der topf, der bis vor kurzem radieschen unterschlupf bot, wird einfach beiseite gestellt – stattdessen wenden wir uns einem untersetzer oder einem kleinen teller zu. diesen belegen wir mit wattepads (die weniger flockende seite möge oben liegen) aus dem drogeriefachhandel, die wir vorsichtig mit wasser begießen, bis sie alle schon feucht sind, der teller aber nicht übergeht.

nach einer guten stunde haben die kressesamen im schnapsglas fast die ganze flüssigkeit aufgesogen und sind von einer gelschicht umgeben – dieses haptische erlebnis bitte auskosten und freie assoziationsketten bilden (kann der anfang eines neuen texts sein). nach dieser guten stunde also den inhalt des schnapsglases vorsichtig auf die wattepads gießen und vorsichtig verteilen. die samen sollten eigentlich nicht übereinander sondern schön nebeneinander zu liegen kommen.

nun bleibt nur mehr abzuwarten und gut acht zu geben, dass die wattepads nicht austrocknen. oft keimen die ersten samen bereits nach 24 stunden, also immer wieder ein auge draufwerfen und beizeiten,  wenn die grünen blätter sichtbar sind, ernten und verspeisen. salate, brote, suppen...unendliche weiten und möglichkeiten.

gartenbauecke #0

entgegen etwaiger panikmachen ist es doch so, dass ein ausgewogenes autorInnen-dasein nicht unbedingt verliert, wenn es von zeit zu zeit mit einigen vitaminen angereichert wird. auch sonne, tageslicht und antialkoholische (nicht koffeinhaltige) getränke sind nur in den wenigsten fällen auslöser schwerer schreibblockaden. im falle einer solchen schreibblockade empfehlen wir allerdings nicht länger diverse schreibübungen und kreative-writing-seminare sondern vielmehr gärtnerische betätigung. heute: das radieschen

radieschen sind anspruchslose aber umso wohlschmeckendere potenzielle fensterbankfrüchte – auf den herrschenden winter wird dabei keine rücksicht genommen.

also erstens blumentopf besorgen (geborgt, gekauft, gefunden), möglichst bereits mit erde gefüllt (darf auch die vom letzten jahr sein). anfeuchten und radieschensamen darauf verteilen – nicht zu dicht und leicht mit erde bedeckt. ein über den topf gestülptes gefriersackerl (wenn vorhanden) beschleunigt die keimung, hin und wieder lüften um schimmelbildung zu verhindern. falls schon geschehen, mit schritt eins von vorne beginnen. nach dem keimen (ja, das ist das grüne) sackerl abnehmen, ständig feucht halten und das wachstum beobachten. während des beobachtens kurzgeschichte und neue &radieschen-einsendung beenden, speichern und abschicken. sonntags zum gärtnerInnen-austausch ins anno. nach vier bis sechs wochen ernten, verkosten und essen. falls über der arbeit für den neuen roman die radieschen bereits erblüht sind, blüten betrachten, noch etwas warten und mit viel glück früchte (nicht die in der erde) bekommen. auch diese verkosten.

 

expertinnen-tipp eins: topf nicht direkt auf die heizung stellen.

expertinnen-tipp zwei: im notfall im bio-markt ihres vertrauens einen bund radieschen kaufen und sorgfältig in den (noch leeren) blumentopf setzen – gummiband und etikett vorher entfernen. dezent damit angeben.